Sibylle Waldhausen – Menschen und Räume
17.11.2012 – 30.03.2013
back to overviewRede zur Vernissage der Ausstellung "Menschen und Räume" Sibylle Waldhausen von Dr. Kathrin Reeckmann, 16.11.2012
Der Hamburger Hbf, nur drei Minuten Fußweg von unserer Galerie entfernt, ist eine Welt im Kleinen. Hier kreuzen sich die Wege aller:
Die Wege der Eiligen und der Langsamen, der Forschen und der Ziellosen, der Zuspät-Kommenden und der Wartenden, der Reisenden und der Gestrandeten. Dazu kommt der Sound der Großstadt aus Stimmen, Motorengeräusch und Hupen, die Beschallung mit klassischer Musik und manchmal noch Straßenmusik.
Der Taxistand zwischen Bahnhof und Schauspielhaus ist da eine Insel der Ruhe und Ordnung. Die Wagen sind akkurat aufgereiht, die Fahrer lesen oder stehen im Gespräch zusammen. Und ganz oft kann man erleben, dass einige von ihnen Schach spielen:
- Mülleimer dient als Tisch, darauf ein klappbares Brett, eine rote Stullenbüchse (sie ist immer rot) dient als Behälter für die Figuren
- Männer darum herum in konzentrierter Entspannung, Jüngere und Ältere
Inmitten der anonymen Szenerie des Bahnhofs geben die Schachspieler ein Bild der Intimität und der Kultur, auf das ich mich immer freue.
Es ist das Schachspiel als uralte, anspruchsvolle Kulturtechnik, analog und verbindend.
Es ist das Schachspiel als Bild derer, die es spielen, als Bild der menschlichen Gesellschaft: die Rollen sind verteilt, können auch manchmal gewechselt werden, alles hängt mit allem zusammen: die Starken und die Schwachen, Angriff und Verteidigung.
Das Schachbrett ist ein fest umrissener Raum, in dem sich die Figuren bewegen
Die Position, an dem die Schachfiguren stehen, sagt etwas aus über ihre Handlungsmöglichkeiten, über ihre Funktion im Ganzen.
Das Schachbrett mit seinen Figuren erscheint als Metapher für unsere Gesellschaft.
Und das ist auch das Thema der Bildhauerin S. Waldhausen:
Wie eine Ethnologin erforscht sie das Verhalten der Spezies Mensch, interessiert sich für Handlungsmuster und Hierarchien, analysiert Haltungen und Strukturen.
Das Schachspiel und die vielen anderen Arbeiten zum Thema Schach, die Sie hier sehen, sind dabei nur eine Facette, sich diesem Thema anzunähern.
SW braucht nicht viel Personal, um die Vielfalt und die Abgründe des menschlichen Daseins zu erforschen: Ein Mann, eine Frau, als Requisit höchstens mal eine Krone. Sie arbeitet allein mit Proportionen, Körpersprache und Oberfläche als Darstellungsmittel.
Zum Beispiel:
• Die Königin, die Haltung bewahrt, trotz aller Anfeindungen.
• Der biblische Statthalter Pilatus, der sich auf seinem hohen Thron festklammert und sich mit seiner wissentlich falschen Entscheidung selber klein macht.
• Oder der „Kerl mit Hund“ der durch das aggressive Tier seine eigene Unsicherheit kaschieren möchte.
• Oder das „Unbeholfene Paar“ das mit seiner Lust erst noch zueinander finden muss.
SW ist eine Künstlerin, die im klassischen Medium der Bildhauerei ganz aktuelle Themen aufgreift.
Sie interessiert sich für die neuen Rollenverteilungen zwischen Mann und Frau, fragt nach Hierarchien, thematisiert Gefühle wie Einsamkeit, Verlorenheit, Macht, Ohnmacht, untersucht Gruppen und die ihnen innewohnende Dynamik.
Ihre Arbeitsweise ist klassisch: Sie formt in Wachs oder Gips ihre Figuren, trägt Schicht um Schicht auf und bearbeitet die Oberfläche mit Fingern und Werkzeugen. Ihre Plastiken sind feingliedrig und schmal, die Oberfläche ist ein feinnerviges, bewegtes Relief. SW steht damit in der Tradition der klassischen Moderne, in der Tradition Auguste Rodins, der mit den Händen malt, und Alberto Giacomettis, der eine Form für das Mensch sein an sich und für die Eingebundenheit der Skulptur/des Menschen in den Raum suchte
Die Figuren Waldhausens sind auch klassisch in dem Sinne, als dass sie nackt sind. Ihre Nacktheit ist dabei von einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass man es kaum registriert. Das große, das eigentliche Thema der Bildhauerei, der menschliche Körper, ist es, was SW interessiert. Dabei sind sie gänzlich von ihrer Haltung bestimmt. SW versteht es, die Beziehung des Menschen zur Welt in einer Gebärde, in einer Haltung einzufangen, kann ganze Geschichten, seien es Dramen oder Kömödien, in einem einzigen Bild einzufangen.
SW kam von der menschlichen Figur und deren Fundament, dem Sockel, vor einigen Jahren auf das Thema Haus und beschäftigt sich seitdem immer wieder mit der gebauten Umwelt des Menschen.
Indem sie die Stadt als plastische Form begreift, wird diese zum Medium, in dem sich aktuelle Themen wie der permanente Zwang zur Veränderung, die zunehmende Geschwindigkeit des Lebens oder die Vereinzelung des modernen Menschen künstlerisch umsetzen lassen.
Ich möchte Sie aufmerksam machen auf die Arbeit „Tetris“, benannt nach dem berühmten Computer-Spiel, wo geometrische Formen von oben herabfallen und vom Spieler in Sekundenschnelle zu einem geordneten Ganzen geordnet werden müssen. Bei SW sind es abstrakte Haus-Kuben, die scheinbar ohne innere Ordnung auf- und ineinander getürmt sind, und die nur eine schmale Lücke für das kleine Kirchlein lassen, das sich halb ängstlich halb selbstbewusst hineindrängt.
Oder auf die Betonhäuser, angefertigt in klassischer Antragstechnik, innen mit Blattgold belegt. Sie zeigen die Behausung des Menschen als schützende Hülle, abweisend und anonym nach außen, innen mystisch strahlend und gleichzeitig auf schwankendem Boden stehend, halb im Tanz, halb im Erdbeben befindlich.
Meine Damen und Herren, SW ist eine Künstlerin mit ganz besonderen Fähigkeiten. Sie findet eindringliche Bilder für unsere Gefühlslagen, Hoffnungen und Ängste. Sie reflektiert das Verhältnis von Sein und Schein, hinterfragt unsere Gewissheiten und hält uns den Spiegel vor – eine der schwierigsten und spannendsten Eigenschaften von Kunst. Und sie beweist in ihren Arbeiten Humor, ganz subtil und manchmal versteckt. Das aber muss ich Ihnen nicht erklären, das werden Sie selber entdecken.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören und wünsche Ihnen einen anregenden Abend.
Speech by Dr Kathrin Reeckmann at the opening of the exhibition “People and Spaces” by Sibylle Waldhausen, 16 November 2012
Hamburg Central Station, just a three-minute walk from our gallery, is a world in miniature. This is where everyone’s paths cross:
the paths of those in a hurry and those taking their time, the determined and the aimless, the latecomers and those waiting, the travellers and the stranded. Added to this is the sound of the big city – voices, engine noise and car horns – the public address system playing classical music and, occasionally, busking.
The taxi rank between the railway station and the theatre is an island of calm and order. The cars are neatly lined up; the drivers are reading or standing together in conversation. And very often you can see some of them playing chess:
- A rubbish bin serves as a table, with a folding board on top; a red lunchbox (it’s always red) serves as a container for the pieces
- Men gathered around it in focused relaxation, both younger and older
Amidst the anonymous backdrop of the station, the chess players present a scene of intimacy and culture that I always look forward to.
It is the game of chess as an ancient, sophisticated cultural art form, analogue and unifying.
It is the game of chess as a reflection of those who play it, as a reflection of human society: the roles are assigned, though they can sometimes be swapped; everything is interconnected: the strong and the weak, attack and defence.
The chessboard is a clearly defined space within which the pieces move.
The position in which the chess pieces stand says something about their options for action, about their function within the whole.
The chessboard with its pieces appears as a metaphor for our society.
And this is also the theme explored by the sculptor S. Waldhausen:
Like an ethnologist, she investigates the behaviour of the human species, taking an interest in patterns of behaviour and hierarchies, and analysing attitudes and structures.
The game of chess and the many other works on the theme of chess that you see here are merely one facet of her approach to this subject.
SW does not need many figures to explore the diversity and the depths of human existence: A man, a woman, and at most a crown as a prop. She works solely with proportions, body language and surface texture as her means of expression.
For example:
• The queen, who maintains her composure despite all the hostility.
• The biblical governor Pilate, clinging to his high throne and belittling himself with a decision he knows to be wrong.
• Or the ‘bloke with a dog’ who seeks to conceal his own insecurity through the aggressive animal.
• Or the ‘awkward couple’ who, driven by their desire, have yet to find their way to one another.
SW is an artist who tackles highly topical issues through the classical medium of sculpture.
She is interested in the new division of roles between men and women, questions hierarchies, explores emotions such as loneliness, a sense of being lost, power and powerlessness, and examines groups and their inherent dynamics.
Her working method is classical: she shapes her figures in wax or plaster, applying layer upon layer and working the surface with her fingers and tools. Her sculptures are delicate and slender; the surface is a finely textured, dynamic relief. SW thus stands in the tradition of classical modernism, in the tradition of Auguste Rodin, who ‘paints with his hands’, and Alberto Giacometti, who sought a form to represent humanity itself and the integration of the sculpture—and the human figure—into space
Waldhausen’s figures are also classical in the sense that they are nude. Yet their nudity is so natural that one scarcely notices it. The great, the very essence of sculpture—the human body—is what interests SW. At the same time, they are entirely defined by their posture. SW knows how to capture the human relationship with the world in a single gesture or posture; he can encapsulate entire stories – be they dramas or comedies – in a single image.
A few years ago, SW moved on from the human figure and its foundation – the plinth – to the theme of the house, and has since then repeatedly engaged with the built environment.
By conceiving the city as a sculptural form, it becomes a medium through which contemporary themes – such as the constant pressure to change, the increasing pace of life or the isolation of modern man – can be artistically expressed.
I would like to draw your attention to the work ‘Tetris’, named after the famous computer game in which geometric shapes fall from above and must be arranged by the player into an orderly whole in a matter of seconds. In SW’s work, these are abstract house-cubes, seemingly stacked upon and within one another without any internal order, leaving only a narrow gap for the little church, which squeezes its way in, half-timidly, half-confidently.
Or the concrete houses, crafted using traditional moulding techniques and lined with gold leaf on the inside. They depict human dwellings as protective shells: forbidding and anonymous on the outside, yet radiating a mystical glow on the inside, whilst standing on shifting ground – half in dance, half in the throes of an earthquake.
Ladies and gentlemen, SW is an artist with very special talents. She finds evocative images to capture our emotional states, hopes and fears. She reflects on the relationship between reality and appearance, questions our certainties and holds up a mirror to us – one of the most challenging and fascinating qualities of art. And in her works, she demonstrates a sense of humour – very subtle and sometimes hidden. But I needn’t explain that to you; you will discover it for yourselves.
Thank you for listening, and I wish you a stimulating evening.
.jpg)


